Förderstiftung oder operative Stiftung?

Als Achtzehnjähriger kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit einer Förderstiftung. Nach einem ordentlichen Abitur wurde ich für ein Stipendium einer kleinen Stiftung vorgeschlagen, die nach einem großen NS-Industriellen benannt war. Es ging um (einmalig!) 250 DM für einen bedürftigen und würdigen Studienanfänger. Ich verdiente damals, 1971, mit meinem Studentenjob als Postbote 900 DM netto im Monat und hatte keine Lust, mich für den kleinen Betrag dem Auswahlverfahren einer solchen Stiftung zu unterwerfen.
Meine erste Berührung mit einer operativen Stiftung folgte zehn Jahre später und wurde lebensprägend. Ich bekam die Gelegenheit, in meiner ersten richtigen Anstellung an der Nahtstelle zwischen einem privaten Stifter, Kurt A. Körber, und dem Bundespräsidenten zu arbeiten. Die elf Jahre Arbeit für Körber bis zu seinem Tod vermittelten mir ein tiefes Verständnis nicht nur von Stiftungsmanagement sondern vor allem den Herausforderungen des Stifterdaseins: Was es heißt, Stifter zu sein und wie Stifter agieren können oder sollten.
So ist es kein Wunder, dass ich eine gewisse Sympathie für operative Stiftungsarbeit hege. Operativ bedeutet dabei, dass eine Stiftung nicht lediglich finanzielle Unterstützung für die Arbeit Dritter leistet sondern in eigener Verantwortung und mit eigenen Mitteln selbst Projekte betreibt.
Die Frage, ob eine Stiftung eher als Förderstiftung oder als operative Stiftung (auch Kombinationen sind möglich) angelegt werden sollte, gehört vom ersten Satzungsentwurf bis zur späteren Stiftungspraxis zu den Schlüsselthemen von Stiftungsstrategie und Stiftungspositionierung. Dabei begegne ich sehr häufig einer einfachen Formel: kleines Stiftungskapital = Förderstiftung – operative Stiftung = großes Stiftungskapital. In der simplen Form halte ich das für Unsinn.
Hinter der genannten Gleichung steckt die Annahme, dass eine operative Stiftung – man nennt sie auch Projektträger-Stiftung – einen größeren Apparat braucht und sich in ihrem Engagement stärker bindet. Das erfordert grundsätzlich größere Summen und einen nachhaltigen Mittelzufluss. Förderstiftungen können dagegen nach Kassenlage Gelder vergeben. Bei einem Stiftungskapital von beispielsweise 100.000 € sollte man deshalb lieber „kleine Brötchen backen“ und mit dem Vermögensertrag Dritte fördern.
Heutige risikoarme Renditen von ca. 1 Prozent lassen einen solchen Ansatz allerdings absurd erscheinen. Eine Stiftung, die über keine erfolgversprechende Strategie verfügt, wie sie die minimalen Handlungsmöglichkeiten eines 100.000-Euro-Kapitals überwinden will, ist schon mit der Gründung zu einem Zombie-Dasein verurteilt.
Strategisch muss die Frage lauten: „Wie kann eine Förderstiftung mit jährlichen Vermögenserträgen um die 1.000 € ihren gesellschaftlichen Nutzen so eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass sie Spenden und Zustiftungen gewinnt?“
Natürlich gibt es auf die Nutzenfrage je nach Fallkonstellation sehr unterschiedliche Antworten. Aber es wird schwer werden, mit Förderungen in solcher Höhe überhaupt irgendeine Aufmerksamkeit zu bekommen. Nicht leichter wird es sein, eines Tages in der Nachfolge des Stifters ehrenamtliche Organmitglieder zu gewinnen, die sich für so wenig Effekt die Mühe einer Stiftungsverwaltung mit Berichten an Stiftungsaufsicht, Steuererklärung usw. machen möchten.
Mehr strategische Optionen eröffnet die Antwort auf die Frage „Wie kann eine operative Stiftung mit jährlichen Vermögenserträgen um die 1.000 € ihren gesellschaftlichen Nutzen so eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass sie Spender und Zustifter gewinnt?“ Sie kann zum Beispiel Projekte ehrenamtlich durchführen, für eigene Projekte Förderanträge an private und öffentliche Geldgeber stellen, Sponsoring-Verträge abschließen, Kostenbeiträge (z.B. für Bewirtung oder Materialien) erheben, Leistungsentgelte im Sinne eines ideellen Zweckbetriebs kassieren, Projekte und Aktionen durchführen, die bei minimalem Finanzeinsatz ein Maximum an Nutzen und vor allem Aufmerksamkeit schaffen. Hinzu kommt, dass operative Stiftungen den Medien in der Regel attraktivere Nachrichten und Geschichten zu bieten haben als Förderstiftungen, die nur Geld geben. So kann eine operative Stiftung eher potenziellen Spendern und Zustiftern das Gefühl vermitteln: „Die sind in der Lage, mit meinem Geld Gutes zu bewirken.“
Bei einem Vermögen, dessen Erträge eine nachhaltige Stiftungsarbeit nicht gewährleisten, sollten die Gründungsüberlegungen allerdings ohnehin nicht bei der Frage nach dem Stiftungstypus starten. Zuerst ist zu fragen, ob eine Stiftung überhaupt die optimale Rechtsform ist. In meinen Beratungsgesprächen mache ich immer wieder auf andere Möglichkeiten wie die gemeinnützige GmbH, den Verein, die gemeinnützige Aktiengesellschaft oder sogar die gemeinnützige UG aufmerksam, die im Einzelfall besser passen könnten.
Die Stiftungswelt ist eine Ansammlung von Sonderfällen. So gibt es auch für die Entscheidung Förderstiftung versus operative Stiftung kein allgemeingültiges Schema. Eine Förderstiftung mit geringem Kapital macht in zwei häufigen Fällen besonders Sinn.
Förderstiftungen werden nicht selten als Spardosen für operativ tätige Einheiten – von der großen staatlichen Institution bis zum kleinen Verein – geschaffen, um Rücklagen zu bilden und Sonderprojekte zu finanzieren. In diesem Fall wird der Leistungsnachweis vom operativen Partner erbracht. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Max-Planck-Förderstiftung, die 2006 mit einer Million Euro gegründet wurde und 2014 inklusive Treuhandstiftungen über ein Vermögen von 400 Millionen € verfügen konnte. Ausschlaggebend dafür waren die wissenschaftlichen Leistungen und die Reputation der Max-Planck-Gesellschaft mit ihren Max-Planck-Instituten.
Sinnvoll kann eine kapitalarme Förderstiftung auch sein, wenn im Grunde nur ein rechtlicher Mantel zum Beispiel für eine spätere Erbschaft oder Schenkung geschaffen werden soll oder wenn der Stifter selbst die Stiftung mit Spenden finanziert. So kann Stiftungsarbeit geübt werden bevor es um große Summen geht. Ein solches Aufbauwerk sollte aber auf belastbaren Daten und nicht bloßen Hoffnungen beruhen.
Wie kleines Stiftungskapital durch operative Arbeit wächst, zeigen dagegen die Bürgerstiftung Hamburg und die Bürgerstiftung Dresden. Beide Stiftungen durfte ich als Geschäftsführer und Vorstand der Körber-Stiftung in ihrer operativen Ausrichtung mehrere Jahre begleiten.
Angefangen hat die Bürgerstiftung Hamburg 1999 mit 100.000 DM, heute ist sie mit einem Vermögen von mehr als 30 Millionen Euro die kapitalstärkste Bürgerstiftung Westdeutschlands. Die Bürgerstiftung Dresden startete ebenfalls 1999 und ist heute mit einem Gesamtvermögen (incl. verwalteter Stiftungen) von über 20 Millionen Euro die kapitalstärkste Bürgerstiftung Ostdeutschlands. Das Erfolgsgeheimnis der Hamburger und Dresdener: Sie haben mit viel Engagement eigene Projekte gestartet und dafür Finanzierungen gesucht. Manche haben damals kritisiert, der Kapitalaufbau müsse Vorrang haben. Aber schließlich hat der Erfolg der Projekte auch Zustiftungen und Treuhand-Stiftungen angezogen.
So oder so, wer heute mit weniger als einer Million Euro eine Stiftung gründet, kann sich nicht allein auf Vermögenserträge verlassen. Eine gute Strategie und hohes persönliches Engagement sind für Förderstiftungen wie operative Stiftungen unverzichtbar.

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